Protokoll der Jugendwerkstatt vom 23.04.2009

Am 23. April 2009 um 17 Uhr haben sich Frau Dipl.-Ing. Astrid Urgatz und Frau Frederike Wernicke mit den Jugendlichen des Pfarr- und Jugendheims St. Peter zu einer kleinen, zweistündigen Jugendwerkstatt getroffen. Da die Jugendlichen bei der Zukunftswerkstatt vom 29. März leider nicht vertreten waren, wollte das Planungsbüro auf diesem Wege einen Einblick in das Leben der Jugendlichen von Merken gewinnen. In einer lockeren Atmosphäre - bei Cola und Keksen - saßen ca. zwölf Jugendliche an einem Tisch und sprachen über ihren Alltag in Merken, was ihnen fehlt oder missfällt.

Kritikphase

Nach einer kleinen Vorstellungsrunde haben sich die Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren, im Plenum mit der Frage auseinandergesetzt, was ihnen an Merken nicht gefällt oder ihnen fehlt. Während des Brainstormings wurden folgende Kritkpunkte geäußert und anschließend in drei Rubriken zusammengefasst.

Feelings
- Nacktpersonal für Jungen im Jugendheim
- Nacktpersonal für Mädchen im Jugendheim
- Zu viele alte Menschen
- Eine (chinesische) Mauer für Merken

Outside
- Badesee fehlt
- Mehr Gassen
- Tor zum Park am Bolzer öffnen
- Am Bolzer Tische und Bänke
- Zu viel Schrott im Weiher
- Mehr Bäume in den Park
- Kirche ist zu groß

Hardware
- Tankstelle fehlt, zum Betanken der Roller
- Zu wenig Hochhäuser
- Mc. Donalds fehlt
- Coffeeshop
- Discothek für einheimische Jugendliche fehlt
- Rollerladen fehlt

Fantasiephase

Die Jugendlichen haben sich für die Fantasiephase selbständig in drei Gruppen zusammen gefunden. Gemeinsam haben sie Bilder gemalt, in denen sie eine Lösung für ihre Kritikpunkte plakativ darstellten. Anschließend wurden die  Bilder im Plenum jeweils von einem oder zwei Jugendlichen der Gruppe erläutert und auf Nachfragen eingegangen.

Gruppe A
Diese Mädchengruppe hat ihre Visionen mit Hilfe von Brainstorming-Malerei auf das Jugendheim, auf ihre direkte Umgebung, dargestellt. Es zeigt, dass sie sich ein Schwimmbad, einen McDonalds, oder einen Rollerladen in dem gebastelt werden kann, wünschen. Ebenso gibt es täglich eine Disco. Das Jugendheim soll mit attraktiverem, d.h "Sexy Personal" arbeiten. Des Weiteren wird gezeigt, dass sie sich einen Zigarettenautomat ohne Altersbeschränkung wünschen.Die Jugendlichen aus den Nachbarorten sollen dem Dorf fernbleiben und sind nicht erwünscht.

Gruppe B
Die zweite Mädchengruppe zeigt eine ähnliche Darstellung wie Gruppe A. Auf das Plakat wurde mit Tesakrepp eine Mauer für Merken, welche Außenstehende nicht in das Dorf hineinlassen soll, geklebt. Allenfalls könnte der Einlass kontrolliert mit Hilfe eines Zolls erfolgen. Diese Jugendlichen empfinden die Kirche als zu dominant im Dorf und wünschen sich stattdessen ein Fast Food Restaurant in Form eines McDonalds. Dem Jugendheim soll eine Disco angegliedert werden, in der sie unter sich feiern können. Des Weiteren wünschen sie sich eine Tankstelle, sowie einen Rollerladen, in dem sie die Möglichkeit haben, an ihren Rollern herumzubasteln. Ein Coffeeshop ist eine weitere Einrichtung, die sie sich für ihre Zukunft in Merken gut vorstellen können.

Gruppe C
Diese Jungengruppe hat zwei Plakate gestaltet mit Wünschen für ihre Zukunft in Merken. Das erste Plakat zeigt eine Hochhaussiedlung in der all ihre Freunde nah beieinander leben. Diese Hochhaussiedlung vereint alle Einrichtungen, die ihr Jungenherz höher schlagen lässt. Insbesondere brauchen sie Möglichkeiten ihre Sexualtiät auszuleben. In der Nähe muss auch eine Tankstelle und eine Fast Food Restaurant zu finden sein.
Das zweite Plakat zeigt eine Arena für eine kulturelle Nutzung in denen verschiedene Musiker und Rapper ihr Können zum Besten geben. In direkter Nähe zu dieser Arena befinden sich ebenfalls eine Tankstelle und ein McDonalds. Auf Nachfrage, wo sie sich diese Arena im Ort denken könnten, fanden sie den Platz, wo sich heute das Silo gegenüber der Mehrzweckhalle befindet, optimal.

Fazit

Wir waren von dem Interesse, dass eine recht große Gruppe Jugendlicher dem Dorfentwicklungsprozess entgegen brachte, positiv überrascht. Auch war es für mich als Dorfplanerin das erste Mal, dass wir eine Gruppe mit ausschließlich Jugendlichen in den Prozess integrierten. Grundsätzlich ist die Arbeitsform des Workshops für Jugendliche optimal.

In der Abschlussrunde betonten sie, dass es gut war, "dass ich nicht nur geredet habe, sondern sie selber Bilder malen konnten". Diese Bereitschaft zu aktiver Mitarbeit, sollten die Erwachsenen Merkens nutzen und gemeinsam mit der Jugend Hand anlegen und einzelne Projekte erschaffen. Ich möchte mich auch beiden Jugendlichen bedanken, dass sie uns freundlich aufgenommen haben und sich in dieser kurzen Zeit von einem quirligen Haufen zu einer konzentrierten Gruppe gewandelt hatten.

Bei dem Ergebnis der Jugendwerkstatt gab es einige prekäre Themen, die uns im ersten Augenblick irritiert haben (Sex, Drugs, Ausgrenzung). Denken wir jedoch genauer darüber nach, wieso diese Themen teilweise recht provokant dargestellt wurden, und betrachten wir, wer diese Jugendlichen sind, so möchten wir an alle appellieren sich nicht persönlich gekränkt zu fühlen, oder gar die Jugend in die Schublade für "Hoffnungslosigkeit" zu stecken, sondern den Spiegel zu erkennen, den diese jungen Menschen uns vorhalten.

Für etliche Probleme werden wir im Rahmen eines Dorfentwicklungsplans keine Lösungen anbieten können. Da sind ganz andere Professionen, bzw. das normale menschliche Miteinander gefordert. Wenn junge Menschen in der Pubertät Sexualität permanent thematisieren, so ist das eigentlich völlig normal. Wir Erwachsenen sollten uns nur fragen, warum wir der Jugend neben käuflichem Sex (Puff, Nackt-personal) keine anderen, entspannteren Möglichkeiten vorleben, um sich auch körperlich zu Erwachsenen zu entwickeln. Als langfristige Lösungsmöglichkeit im Rahmen des Dorfentwicklungsplans, können wir den Vorschlag machen, z.B. am Tagebau-Restsee einen FKK-Strand einzurichten.

Das Thema Ausgrenzung ("Die Hovener sollen draußen bleiben", "Es sind zu viele Alte im Dorf") müssen wir mit einem psychologischen Blick betrachten. Die Jugendlichen im Jugendheim wohnen zum Teil in einem Dorfbereich, wo auch die Erwachsenen sagen, dass es kaum ein Miteinander mit dem Rest des Dorfes gibt. Sie sind größtenteils nicht in den örtlichen Vereinen organisiert. Eine Möglichkeit ist es, dass sie

ihre eigene Ausgrenzung überhöhen und sich gerade deshalb eine Mauer um Merken wünschen, oder die Senioren aus dem Ort hinaus haben möchten, weil sie kaum positive Erfahrung in der Kommunikation mit ihnen erleben. Und zum anderen kann es sein, dass sie ihre isolierte Lage ("Es ist cool im Ghetto") idealisieren, weil sie selber keinen Ausweg erkennen können.

Die Jugendlichen untereinander verstehen sich als eine Einheit und es gilt diese Einheit in Zukunft in das Dorfleben zu integrieren. Das kann durch die Planungen unterstützt werden, allerdings muss auch jeder Bürger seinen Beitrag zu dieser Integration leisten. Hier liegen große Herausforderungen für die Dorfgemeinschaft. Auch wenn die Jugenlichen im Jugendheim keine Lust auf Sport bzw. Vereine haben, so sollten junge Erwachsene (insbesondere Männer sind hier nötig) als Ehrenamtler dort Aktionen anbieten. So könnte man gemeinsam den Weiher und sein Umfeld vom Müll befreien. Oder bauliche Schäden / Mängel am Jugendheim (z. B. Beeteinfassungen mauern, einen Aschenbecher, Mülleimer für den Hof herstellen, ...) beheben. So können sie gemeinsam etwas schaffen und dabei gleichzeitig auch handwerkliche Fähigkeiten erlernen. Außerdem ist dies bislang die einzige erfolgreiche Antwort auf das Problem des Vandalismus. Wir werden in der nächsten Arbeitskreissitzung, wenn es um das Thema des Grünen Bandes durch Merken geht, Möglichkeiten aufzeigen, wo informelle Jugendgruppen bei der Dorfentwicklung integriert werden können. Deutlich wurde auch, dass die Jugendlichen Orte brauchen, an den sie sich zurückziehen können, um unter sich zu sein, ohne eine ständige Kontrolle. Dies äußert sich z. B. in dem Wunsch nach  Gassen, welche nicht befahrbar sein sollen oder einem Badesee. Im Hinblick auf den Park sollte das Tor wieder geöffnet werden, um somit den Weiher nicht vom Geschehen auf dem anliegenden Bolz- und Schützenplatz abzugrenzen und ihn für alle wieder besser erlebbar zu machen.

Dieser Wunsch deckt sich auch mit Visionen aus der Zukunftswerkstatt der Erwachsenen. Der Bolzplatz soll mehr Möglichkeiten zum Sitzen und Verweilen bieten, so dass die Jugendlichen einen Platz erhalten, an dem sie rumhängen dürfen ohne sich vertrieben oder beobachtet zu fühlen. Interessant war auch der Wunsch nach mehr Bäumen.

Das zeigt ein ganz anderes Bild von der Jugend, als oftmals pauschal verbreitet wird. Bei Begrünungsaktionen kann man wohl auf die Mitarbeit der Jugendlichen setzen.

Mobilität ist für Jugendliche auf dem Land ein wichtiges Thema. Dabei möchten sie ihre Spontanität und auch ihr Hobby miteinander verknüpfen. So deuten wir den Wunsch nach einer Tankstelle, an der die Jugendlichen ihre Roller betanken können und auch an ihnen herumschrauben können. Auch dies ist ein Ansatz den man berücksichtigen sollte, möchte man Merken auch in Zukunft für junge Familien attraktiv gestalten.

Aachen, 26.04.2009

Planungsbüro Urgatz